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von DNWE Vorstand | 01.02.2011
von Prof. Dr. habil. Josef Wieland | 30.09.2010
von Achim Halfmann | 13.04.2010
Das Thema „Korruption“ ist in
den vergangenen Jahren verstärkt
auch in Deutschland zum
Gespräch geworden, in spektakulärer
Weise etwa durch die Aufdeckung der
schwarzen Kassen beim Unternehmen
Siemens. Schuldige werden nach ihrer
Überführung gerne medial an den
Pranger gestellt, es wird ausführlich
über charakterliche Defizite von Managern
spekuliert und sogleich nach
höheren Strafen gerufen.
Im Gegensatz zu diesen Bemühungen
der Skandalisierung und Kriminalisierung
entwickelt Ingo Pies, Inhaber des
Lehrstuhls für Wirtschaftsethik an der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg,
in seinem Buch „Wie bekämpft
man Korruption?“ einen anderen Ansatz,
den er als „Ordnungspolitik zweiter
Ordnung“ bezeichnet. Während sich der
Bergriff der Ordnungspolitik im Allgemeinen
auf den Handlungsbereich des
Staats als Regelgeber bezieht, geht es bei
Pies darum, dass die Gesellschaft für
eine geeignete Anreizsetzung in und
durch Unternehmen sorgen muss (darum
der Zusatz „zweiter Ordnung“). Seine
Hauptthese lautet: Korruption lässt
sich nicht ohne – und schon gar nicht
gegen – Unternehmen bekämpfen, sondern
ausschließlich mit ihnen und
durch sie.
Pies unterscheidet dabei genau zwischen
Entlastungs- und Belastungskorruption:
Die erstere liegt vor, „wenn ein
korrupter Akteur eine Delegationsposition
innehat, die er missbraucht, indem
er sich mit einem Interaktionspartner
verabredet, seinen Auftraggeber zu hintergehen“.
Ein klassisches Beispiel hierfür
ist etwa eine überteuerte Auftragsvergabe,
für welche der korrupte Akteur
von seinem Interaktionspartner eine private
Zusatzvergütung erhält. Entlastungskorruption
unterminiert daher das Vertrauen
in die Integrität von Vertragsbeziehungen
und schädigt dadurch die
Effizienz der gesamtwirtlichen Ressourcenallokation.
Belastungskorruption
hingegen bedeutet, dass „ein korrupter
Akteur eine Machtposition innehat, die
er missbraucht, um seinem Interaktionspartner
eine Sonderleistung abzunötigen“.
Ein typisches Beispiel hierfür ist
eine staatliche Genehmigung, für die
zwar alle rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind, die aber vom Bürokraten
dennoch nur erteilt wird, wenn dieser
dafür eine Zahlung erhält. Belastungskorruption
wirkt demnach wie eine
zusätzliche Steuer
Der Autor zeigt, dass eine gesellschaftspolitische
Strategie zur wirksamen
Bekämpfung von Korruption drei
unterschiedliche Ebenen integrieren
muss: die Ebene der organisationsinternen
Maßnahmen, eine Ebene, wo es um
Vorkehrungen zwischen Organisationen
geht, sowie die Ebene des gesellschaftlichen
Umfelds. Auf letzterer ordnet er
dem „blaming and shaming“ weiterhin
einen wichtigen Stellenwert zu, sieht
dieses jedoch nur als komplementär zu
anderen Maßnahmen an. Innerhalb der
Unternehmensorganisationen stehen
zahlreiche Möglichkeiten zur Korruptionsprävention
zur Verfügung, die mehr
Erfolg versprechen: die Formulierung
eines verbindlichen Verhaltenskodex’
beispielsweise, die Festlegung von Verfahrensroutinen
durch das Unternehmen,
die Errichtung der Position eines
„Compliance-Officers“ und besonders
die Einführung eines „Whistle-Blowing“-
Systems, also eines strukturierten
Verfahrens für Hinweisgeber, bei welchem
diese anonym bleiben können.
Auch bekannte Maßnahmen wie das
Vier-Augen-Prinzip, Job-Rotation oder
die Aufteilung von bestimmten Funktionen
auf den Kompetenzbereich verschiedener
Personen sind hierbei hilfreich,
da sie die Anzahl von Mittätern
und Mitwissenden innerhalb des Unternehmens
systematisch erhöhen.
An Vorkehrungen zwischen Organisationen
stellt Pies etwa Integritätspakte
vor, die von Transparency International
propagiert werden, und bei denen die
an der Vergabe eines größeren Auftrags
beteiligten Unternehmen einen Vertrag
miteinander schließen, der diese zur
Korruptionsfreiheit verpflichtet und
Sanktionen vorsieht, die von Strafzahlungen
bis zum zeitweisen Ausschluss
von weiteren Auftragsvergaben reichen
können. Der Autor betont jedoch, dass
dieses Instrument in Deutschland bisher
kaum genutzt wird, und sieht darüber
hinaus Schwächen im deutschen
Ordnungswidrigkeitenrecht. So seien
die gegen Unternehmen ausgesprochenen
Geldbußen im internationalen Vergleich
deutlich zu niedrig und werden
überdies viel zu selten verhängt, um
abschreckend zu wirken.
Pies will mit seinem Buch zu einer
umfassenderen Diskussion über Ansätze
zur Korruptionsbekämpfung beitragen
und beschränkt sich dabei nicht nur auf
ethische Forderungen oder Gemeinplätze.
Das Buch, das sich großteils aus
bereits früher veröffentlichten Aufsätzen
zusammensetzt, ist vielmehr so aufgebaut,
dass es dem Leser ermöglicht wird,
ein umfassendes Bild über Theorie,
Empirie und Praxis des Themas zu
gewinnen. Im ersten Anschnitt wird das
theoretische Gebäude aufgebaut, und es
werden auch frühere Ansätze wie die
„Efficient-Grease“-Hypothese (die Korruption
unter bestimmten Umständen
als positiv für eine Wirtschaft betrachtet)
dargestellt. Auf dieser Grundlage erfolgt
dann eine umfassende Darstellung der
heute vorliegenden Erkenntnisse der
empirischen Forschung zum tatsächlichen
Ausmaß der Korruption und ihrer
Sozialschädlichkeit. Im zweiten Abschnitt
sind drei Aufsätze versammelt,
die sich mit der ökonomischen Analyse,
der Diagnose und der Therapie befassen
und wirtschaftsethische Perspektiven
skizzieren. Im dritten und abschließenden
Abschnitt gibt der Autor schließlich
eine Zusammenfassung seiner zentralen
Kerngedanken, ehe er zuletzt in kompakter
Form zehn Thesen zur Bekämpfung
von Korruption formuliert.
Das Konzept der von Pies vorgeschlagenen
„Ordnungspolitik zweiter Ordnung“
weist den Unternehmensorganisationen
(die er als „Corporate-Citizens“
bezeichnet) eine neue Aufgabe zu,
nämlich ordnungspolitische Verantwortung
zu übernehmen, um sich an der
Gestaltung der Spielregeln für das Wirtschaftsleben
aktiv und konstruktiv zu
beteiligen. Die Unternehmen hätten
schließlich laut Pies selbst ein Interesse
an der Bekämpfung von Korruption:
Entlastungskorruption erzeuge nämlich
nachweisbar ein soziales Dilemma, in
dem jedes Unternehmen einen Anreiz
hat, zur Korruption Zuflucht zu nehmen,
einfach um Wettbewerbsnachteile (oder
gar den im Extremfall vollständigen
Rückzug aus einem Markt) zu vermeiden.
Dies wird nicht zuletzt von der Korruption
überführten Unternehmen
selbst oftmals so behauptet, und so zeigt
Ingo Pies’ Buch eine Perspektive auf,
die für alle Teile der Gesellschaft von
Relevanz sein kann.
Michael Mahlknecht
Director Consulting Delta Hedge, Wien
michael.mahlknecht@delta-hedge.com
Heiko Spitzeck:
Moralische Organisationsentwicklung: Was lernen Unternehmen durch die Kritik von Nichtregierungsorganisationen?
Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien 2008.
Die Dissertation von Heiko
Spitzeck liefert einen wissenschaftlich
couragierten Übertrag
der Theorie moralischer Entwicklung
von Personen auf die moralische Entwicklung
von Organisationen. Ausgehend
von Lawrence Kohlberg wendet der
Autor die Stufentheorie moralischer
Entwicklung auf Organisationen an und
fragt nach den Möglichkeiten moralischen,
organisationalen Lernens. Anhand
zweier Fallstudien belegt Spitzeck
die Plausibilität seiner Überlegungen.
Systematisch ist die Arbeit der integrativen
Wirtschaftsethik der St. Gallener
Schule zuzurechnen und geht methodisch
diskursanalytisch und -ethisch,
sowie organisationstheoretisch vor.
Ausgangspunkt der Arbeit bildet die
Frage nach dem Einfluss von Nichtregierungsorganisationen
(NGOs) auf
das Verhalten von Unternehmen. Dieses
Vorgehen scheint konsequent und folgerichtig,
wenn man bedenkt, dass es
nicht zuletzt dem wachsenden Druck
der NGOs zu verdanken ist, dass Unternehmen
in den vergangenen Jahren
sensitiver für den Umgang mit ihren Stakeholdern
geworden sind oder „freiwillig“
umfangreichen Zertifizierungsprozessen
zustimmen. Beginnend mit der
politischen Rolle der NGOs, die er unter
anderem darin sieht, neue Gesetze zu
erwirken, zeichnet Spitzeck die Genese
der NGOs nach. Mit der steigenden
Anzahl und der damit einhergehenden
Differenzierung und Evolution der
NGOs verlagerten sich auch deren Aktivitäten.
Sahen es die NGOs für lange Zeit
als ihre Aufgabe an, indirekt durch
ihren Einfluss auf den politischen Willensbildungsprozess
und damit die
Legislative steuernd auf unternehmerisches
Verhalten einzuwirken, wird unternehmerisches Fehlverhalten in
jüngerer Zeit zunehmend häufiger
direkt durch die NGOs kritisiert, ohne
dabei den parlamentarischen Umweg
über die Legislative zu beschreiten.
Nicht zuletzt die öffentlichen Diskussionen
um das Feigenblattverhalten von Unternehmen
in Form von Greenwashing
und Bluewashing, das ausschließlich
dem Ziel dient, sich ein ethisches Antlitz
zu verschaffen, bezeugen diesen Entwicklungstrend.
Einen Meilenstein innerhalb
der NGO-Evolution stellt dabei der
Fall Brent-Spar dar; hier gelang es der
NGO Greenpeace – wenngleich, wie sich
im Nachgang feststellen ließ, auf Basis
von nicht vollständig sauber recherchierter
Fakten –, einen Konsumentenboykott
gegen das Unternehmen Shell zu initiieren,
das sich angesichts massiver
Umsatzeinbußen letztlich zu einer Verhaltensänderung
gezwungen sah. Als
wohl eine der wichtigsten Folgen dieses
Verbraucherboykotts darf die Wiederentdeckung
der Konsumentenverantwortung
und der dahinter stehenden Konsumentensouveränität
gelten.
Das Engagement der NGOs, so
Spitzeck, ist direkt auf die öffentliche
Aufmerksamkeit gerichtet, vermittels
derer es den NGOs zunehmend gelingt,
unternehmerische Entscheidungs- und
Argumentationsprozesse zu beeinflussen.
Genau an diesem Punkt setzt das
wissenschaftliche Interesse Spitzecks
an, wenn er die Frage stellt, was Unternehmen
durch die Kritik von NGOs im
Rahmen einer „moralischen Organisationsentwicklung“
– so der Titel seiner
Arbeit – „lernen“ (können). Dass die
„Notwendigkeit moralischen Lernens
von Organisationen“ durchaus besteht,
belegt der Autor mit der Kritik der
Öffentlichkeit und spricht von der „Zivilisierung
organisationalen Handelns“.
Diese sei jedoch nicht mit dem derzeit
immer wieder angeführten „Business
Case“ einer Corporate Social Responsibility
zu verwechseln – womit der Autor
einmal mehr die Lanze für eine integrative
Wirtschaftsethik bricht. Vielmehr
argumentiert Spitzeck philosophisch:
„Eine Handlung lässt sich dann als verantwortlich
charakterisieren, wenn sie
das Interesse anderer über das opportunistische
Eigeninteresse stellt.“ Den
Weg zu dieser Einsicht bildet für ihn
das „kognitive moralische Lernen“ der
Organisation, das nicht als Business
Case sondern in Form rationaler Entscheidungsprozesse
heranreift. Als
Kern der moralischen Organisationsentwicklung
führt Heiko Spitzeck das
„Organisationsethos“ (auch dominant
logic oder organisationale Identität)
an, das den „Kommunikationsprozessen
entspringt, in denen sich kollektiv
geteilte Werte festigen“.
Zur Analyse des moralischen Lernens
von Unternehmen im diskursiven Austausch
mit den sie direkt adressierenden
NGOs nimmt Spitzeck Bezug auf die
auf der Entwicklungstheorie Jean Piagets
aufbauende Theorie moralischer
Entwicklung von Kohlberg. Dieser unterscheidet
bekanntlich sechs Stufen moralischer
Entwicklung, auf den drei Ebenen
präkonventionell, konventionell
und postkonventionell. Ausgangspunkt
für die empirische Analyse der beiden
Case-Studies bildet die Annahme, dass
sich „organisationale Begründungsstrukturen
auf allen drei Ebenen identifizieren
lassen“ und dass sich durch die
Hinwendung zur postkonventionellen
Argumentation (Sozialvertrag und universelle,
ethische Prinzipien) die Organisation
moralisch entwickeln könnte.
Dass Unternehmen dies aber tatsächlich
sollen und sich nicht im konventionellen
Sinne an „Gesetz und Ordnung“
orientieren und faktisch einer universellen
Ethik unterordnen dürfen, ist eine
implizite normative Annahme der Arbeit.
Ausgangspunkt der beiden Fallstudien
bildet die Frage nach den moralischen
Lernprozessen in Unternehmen,
die anhand der Ereignisse nachvollzogen
und mit den theoretischen Erkenntnissen
abgeglichen werden. Bei
den beiden Studien handelt es sich zum
einen um Nestlés Marketing von Babymilchpulver
und zum anderen um die
Projektfinanzierungspraxis der Citibank
im Zusammenhang mit dem Rainforest
Action Network.
Gegenstand des Falles Nestlé bilden
die aggressiven Vermarktungsstrategien
von Muttermilchersatzprodukten in
Ländern der so genannten Dritten Welt
in den 1970er und 1980er Jahren. Aufgrund unzureichender hygienischer
Bedingungen in diesen Ländern und
wegen der eingeschränkten finanziellen
Möglichkeiten der Familien, die zu
einer zu starken Verdünnung der Flaschennahrung
geführt hatten, kam es zu
erheblichen gesundheitlichen Schädigungen
bei den Säuglingen. Dabei war
es einzig den aggressiven Marketingkampagnen
des Unternehmens zu verdanken,
dass sich künstliche Babynahrung
als Alternative zum Stillen durchzusetzen
begann. In der Folge kam es
zu massiven Verbraucherprotesten, die
das Unternehmen zum Gespräch mit
seinen Stakeholdern zwangen. Allerdings
verschärfte sich dieser Diskurs
zwischen Unternehmen, Wissenschaftlern
und NGOs zu einem „nicht-fürsorglichen
Kommunikationsklima“, das
Spitzeck zufolge auch zu keinem moralischen
Lernen der Organisation führte,
wohl aber „strukturelle Anpassungsmaßnahmen“
nach sich zog, wie etwa
eine gesteigerte Transparenz der Vermarktungsprozesse
von Seiten des
Lebensmittelherstellers.
Im zweiten Fall geht es um die NGO
Rainforest Action Network (RAN), das
durch seine Intervention eine Reihe von
Herstellern und Handelsunternehmen
dazu brachte, auf ökologisch zertifizierte
Produkte umzuschwenken. Insbesondere
opponierte RAN gegen die Praxis
der Projektfinanzierung, und prangerte
die oftmals nur im Hintergrund agierenden
Geldgeber ökologisch fragwürdiger
Projekte an. Vor allem richtete sich der
Protest der NGO dabei gegen Citigroup,
jedoch war es das erklärte Ziel von RAN,
„über die Kritik an Citigroup die Finanzindustrie
insgesamt zu transformieren“
und so Verbesserungen für „lokale
Gemeinschaften und bedrohte Wälder“
zu erwirken. Einer der von RAN in
diesem Zusammenhang formulierten
Slogans lautete etwa: „Citibank is
making a profit out of worsening the
world“. Ergebnis dieses Vorgehens war
der gesuchte Diskurs zwischen RAN und
Citigroup unter Einbeziehung externer
Stakeholdergruppen, so dass die Citibank
lernen konnte, auf die Befindlichkeiten
der Nichtregierungsorganisationen
einzugehen.
Heiko Spitzeck gelingt es mit seiner
Arbeit, die bisherige Organisationstheorie
sowohl auf Basis theoretischer
Erkenntnisse wie durch fallbasierte
Analysen um das Thema sozialer und
moralischer Komponenten zu erweitern,
die dazu geeignet scheinen, organisationale
Legitimationskrisen zu erklären.
Dieser Beitrag ist umso wichtiger, als
eine auch um ethische Inhalte erweiterte
Organisationstheorie von großer
Bedeutung für die Ausbildung zukünftiger
Führungskräfte sein dürfte.
Peter Seele
Universität Basel
peter.seele@unibas.ch