DNWE > Aktivitäten > Expertenforum > Menschenrechte > Expertenstatements

Thema Menschenrechte

DNWE Experte Menschenrechte
Prof. Dr. Dr. h.c.
Klaus Michael Leisinger
President and Executive Director
Novartis Foundation for Sustainable Development
CH-4002 Basel (Switzerland) | Tel +41 61 697 71 05


Für redaktionelle Rückfragen
expertenforum@dnwe.de | Tel +49 6181 423 60 23

Expertenstatements Menschenrechte

Der Gute darf nicht der Dumme sein - Zur Bedeutung von Anreizsystemen für das Management Development

von Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus M. Leisinger | 17.12.2009 (Kommentare: 5)

Trotz aller ökonomischen Schäden und sozialen Belastungen erscheint die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise mehr als alles andere eine Vertrauenskrise in die tragenden wirtschaftlichen und ordnungspolitischen Institutionen und in die Integrität ihres Führungspersonals zu sein. Vertrauen in die Integrität von Menschen und Institutionen wieder zu gewinnen, ist daher eine Grundvoraussetzung für den Neuanfang. Bei aller Komplexität der Krisenauslöser können wir uns eine Analyse der ethischen Ursachen-Komponenten nicht ersparen. Dazu gehört auch die Frage: Wie finden wir die vom Wertekompass her „richtigen“ Menschen für die Verantwortungs- und Führungsbereiche, die das „richtige Maß“ zwischen den betriebswirtschaftlichen Erfordernissen und ethischen Anforderungen kennen und anstreben?

Nun ist es offensichtlich leichter, den „Idelatypus“ einer Führungspersönlichkeit zu beschreiben als ihn zu finden. Den Auswahl- und Entwicklungsprozessen in Unternehmen (management development) kommt dabei auch im Hinblick auf nicht-ökonomische Anforderungen eine Schlüsselposition zu. Mit einigen institutionellen Vorkehrungen können sie besser justiert werden:

Menschen bemühen sich in der Regel eher, bei denjenigen Aspekten ihrer Leistung gute Resultate zu zeigen, an denen sie gemessen werden. Führungskräfte werden im Laufe ihrer Karriere meist in verschiedenen Verantwortungsgebieten auf ihr Leistungsvermögen getestet. Ihr Einkommen und ihre Karriere hängen dabei maßgeblich von kurzfristig sichtbaren Resultaten ab. Unzureichend breit konzipierte Anreiz- und Bewertungssysteme bergen die Versuchung, dem kurzfristig Nützlichen den Vorrang vor dem langfristig Notwendigen zu geben und in ethisch ambivalenten Situationen zugunsten des eigenen karriereorientierten Vorteils unter Vernachlässigung von Corporate-Responsibility-Kriterien zu handeln.

Wo Corporate Responsibility kein Lippenbekenntnis ist, bringen Unternehmen zusätzlich zu den betriebswirtschaftlichen und technischen Bewertungs- und Anreizkriterien Corporate Responsibility Elemente in die Leistungsbeurteilung ein, die auch außerökonomische Handlungsspektren wie moralische Integrität, das soziale Bewusstsein und die zwischenmenschliche Achtsamkeit unternehmerischen Handelns berücksichtigen.

Ein Lösungsansatz zur Vermeidung kurzfristiger Scheinerfolge könnte sein, Mitarbeiterbeurteilungen in kurz-, mittel- und langfristige Komponenten zu unterteilen. Vergleichbares gilt bei der Beurteilung des Kostenverhaltens: Werden Mitarbeiter lediglich an dem Kriterium der Kosteneffizienz gemessen, so besteht die Gefahr, dass bei der Kostenreduktion negative Implikationen für die Gesundheit von Menschen oder eine intakte Umwelt in Kauf genommen werden. Die kurzfristig günstige Kostenperformanz hätte dann unerwünschte langfristige Konsequenzen für Mensch und Umwelt zur Folge, oft auch später finanzielle Schäden für das Unternehmen. Werden mit verantwortungslosen Mitteln kurzfristig betriebswirtschaftlich erfolgreiche Mitarbeiter befördert oder finanziell belohnt, so macht das alle Anstrengungen zur Erhöhung der moralischen Qualität unternehmerischen Handelns weitgehend nutzlos. Kollegen und Mitarbeiter haben ein gutes Gefühl für das, was sich karrieremäßig zu „lohnen“ scheint. Die Struktur der Zielsetzungsinhalte, Mitarbeiterbeurteilungskriterien und Anreizsysteme im Unternehmen müssen deshalb derart geändert werden, dass moralisch gebotenes Handeln auch unter egoistischen Gesichtspunkten lohnt. Kurz: der „Gute“ darf nicht der „Dumme“ sein.

Auswahlprozesse erfordern Zeit. Menschen können sich „verstellen“ sowie Charakter- und Persönlichkeitsmerkmale vortäuschen. Über einen längeren Zeitraum, in unterschiedlichen Handlungssituationen und unter zeitlichem und Ressourcenstress werden sich allerdings der „wahre“ Charakter und die „echte“ Persönlichkeit offenbaren – ethisch reflektiertes Handeln ist ein Prozess, kein singulärer Anlass. Beförderungen in zu kurzen Zeitabständen könnten zudem als Signal empfunden werden, dass man - um Karriere zu machen - kurzfristig gut aussehen müsse. Die dadurch geschaffenen Probleme werden unter Umständen erst unter den jeweiligen Nachfolgern offenbar und im schlechtesten Fall diesen angelastet. Der eigentliche Problemverursachen sieht dann ex post unverdientermaßen noch besser aus, als er kurzfristig ohnehin erschien – ein demotivierendes Fairness-Problem.

Ein wichtiger weiterer Schritt ist die Ethikausbildung als Pflichtbestandteil des Corporate Learnings. International tätige Unternehmen müssen sich auf eine identitätserhaltende, ethische Wertebasis besinnen und diese in internen Kursen weitervermitteln, wenn sie eine über die Einheitlichkeit des Firmen-Logos und des Briefpapiers hinausgehende Identität bewahren wollen. Praxiserfahrungen mit dem Einbezug von Ethik in das Management Development sind dabei sowohl positiv als auch negativ. Ganzheitliches Management Development vermittelt — zusätzlich zum gewöhnlich angebotenen Fachwissen — ethisches Orientierungswissen und übt dies mit Fallstudien. Wenn sich ein Unternehmen durch seine Personal- und Beförderungspolitik Führungspersönlichkeiten mit einer Urteilsbildung sichert, die auf sittlich verantworteter Güterabwägung und nicht auf blinder Unterwerfung unter bestehende Regeln beruht, dann können diese von den hier erörterten Ausbildungsbemühungen profitieren. Das ist kein Wunschdenken, dafür gibt es wachsende empirische Evidenz. Aus meiner Erfahrung sollte die Vermittlung ethischen Basiswissens über kommentierte „Literatur-Hausaufgaben“ vorgenommen werden und nicht als Vorlesungen über die verschiedenen philosophischen Schulen seit den Vor-Sokratikern. Besonders wertvoll ist dabei die gemeinsame Erörterung von Fallstudien. Das können Fallstudien allgemeiner Art sein, aber auch solche, die dem Kontext unternehmerischen Handelns nachempfunden sind und dort konkrete ethische Problemkreise aufgreifen. Äußerst wertvoll sind Fallstudien, die ex post Fehlentscheide anderer oder des eigenen Unternehmens analysieren und ethisch reflektieren. Dies trägt nicht nur dazu bei, dass solche Fehler nicht wiederholt werden müssen, sondern erhöht auch die Glaubwürdigkeit der gemachten Anstrengungen.

Durch die Bearbeitung von Fallstudien wird mit dem Glauben aufgeräumt, eine bestimmte unmoralische Aktivität helfe der Firma und diese würde deshalb stillschweigend darüber hinwegsehen oder sogar die unmoralisch handelnde Person schützen. Diese und drei weitere Wirklichkeitswahrnehmungen von „guten“ Managern, die „schlechte“ ethische Entscheidungen fällen, hat Saul Gellermann in seinem nach wie vor hoch aktuellen „Veteranen-Artikel“ beschrieben. Unethisch handelnde Führungskräfte glauben nach Gellermann außerdem, die betreffende Aktivität liege gerade noch innerhalb der ethischen und juristischen Grenzen, sie sei im besten Interesse des Individuums oder des Unternehmens oder sie sei „sicher“ und werde von niemandem je herausgefunden.

Drei einfache Fragen können helfen, die Grenzlinie zwischen „cleverem“ und unethischem Handeln herauszufinden: Können Sie Ihre Entscheidung ohne Mühe und kosmetische Korrekturen Ihrer Familie oder guten Freunden plausibel machen? Würden Sie sich wohl fühlen, wenn über Ihre Entscheidung sowie deren Hintergründe und Auswirkungen in der Presse oder im Fernsehen berichtet würden? Könnten Sie die von Ihnen gefällte Entscheidung auch als angemessen akzeptieren, wenn sie von Ihrem Vorgesetzten gefällt worden und Sie selbst von deren Auswirkungen betroffen wären? Gerät die befragte Person ins Grübeln, so ist dies mit großer Wahrscheinlichkeit ein Hinweis auf ethische Risiken.

In Krisensituationen wie der Gegenwärtigen suchen Menschen nicht nur rückwärtsgewandte Analyse, sie erwarten auch Orientierung und Führung. Daher sind die intellektuellen, sozialen, finanziellen und moralischen Eliten in besonderem Maße gefordert, Antworten zu geben und Wege aus der Krise aufzuzeigen: Führungskräfte nach dem hier beschriebenen Muster nehmen ihre Vorbildfunktion für das Gesellschaftsganze wahr. Emotionslos zu gemachten Fehlern stehen, sie transparent systemisch zu korrigieren und mit harter Arbeit und Durchhaltevermögen einen Neubeginn zu machen, das ist vielleicht die einzige Möglichkeit, der „Regulierungs-Falle“ zu entgehen. Es wäre ja naiv zu meinen, dass Staatsangestellte die besseren Finanz- und Wirtschaftsmanager seien. Die gegenwärtige Nachdenklichkeit über den Sinn und die Parameter nachhaltigen Wirtschaftens ist eine Chance, für die Themen Managerethik und Unternehmensethik einen neuen Anlauf zu nehmen.

Zurück

Einen Kommentar verfassen

Kommentar von Doris Polzin | 20.01.2010

Vielen Dank Herrn Prof. Dr Leisinger, dass er in seinem neuen Beitrag, Antworten auf die Fragen erarbeitet, die sich aus seinem früheren Aufsatz"Der Stoff, aus dem verantwortungsvolle Führungspersönlichkeiten sind" denn: "Es gibt deshalb eine Möglichkeit, aus einem - an der ethischen Qualität des Handelns gemessenen - „Durchschnitts-Unternehmen“ ein „Spitzen-Unternehmen“ zu machen: Eine möglichst große Anzahl der Führungsverantwortlichen muss aus dem „richtigen“ Ende der Gauss’schen Normalverteilung rekrutiert werden."
So geht er den Fragen nach: Wie findet man diese Personen, wie können sie in Ihrem Tun bestärkt werden und wie können junge Menschen in der Ausbildung mit ethischen Fragestellungen sensibilisiert werden.
Dies erscheint mir die aktuelle Herausforderung für die Wissenschaften als auch für die Praxis in den Unternehmen und Institutionen, be- und verstärkt durch "Veröffentlichung" relevanter vorbildlicher Führungspersönlichkeiten.

Kommentar von Hans Ulrich Gally | 26.12.2009

Gerne möchte ich zu Ihrem interessanten Artikel einige, wenn auch nicht voll entwickelte und ausformulierte Gedanken besteuern.

Verantwortung tragen

Sollte die Frage der finanziellen Kompensationen nicht auch einmal aus dem Blickwinkel der damit verbundenenVerantwortlichkeiten betrachtet werden? Wir können eher hohen Zahlungen an Personen zustimmen wenn wir wissen, dass Sie hohe Verantwortungen und Risiken zu tragen haben und bei Entscheidungen, die nicht zum gewünschten Erfolg führen oder sogar sehr negative Folgen haben, persönlich haftbar gemacht werden.

Genau dort müssen wir jedoch auf Grund der Entwicklungen der letzten Zeit ein grosses Fragezeichen setzen. In letzter Zeit sind Verantwortungsträger von grossen Unternehmen grandios gescheitert, Konsequenzen mussten sie jedoch kaum tragen. Auf Druck der Öffentlichkeit waren sie vielleicht bereit, ein Teil der zu hohen Boni zurückzuzahlen. Für das absolut mangelhafte Risikomanagement wurden sie jedoch nicht zur Verantwortung gezogen. Da ist es schon sehr stossend, wenn z.B. der Leiter des Geothermieprojekts in Basel (das von den politischen Instanzen im Wissen um die Risiken gutgeheissen wurde) wegen Auslösen von Erdbeben angeklagt wird, die Auslöser der sehr viel grösseren finanziell und gesellschaftlichen „Erdbeben“ jedoch einfach „verschinden“ können. Die ist weder ethisch noch gesellschaftlich akzeptabel und führt in die Richtung Zerstörung unserer Zivilgesellschaft. Es ist daher aus ethischer Sicht ultimativ zu fordern, dass Personen speziell in hohen Positionen, die ihrer Verantwortung nicht wahrgenommen haben, sowohl rechtlich wie auch finanziell zur Rechenschaft gezogen werden. Ein selbständiger Unternehmer, dem wir bei guter Unternehmensführung seinen angemessenen Gewinn sicher zugestehen, müsste ja mit seinem Vermögen haften.

Bewertungssysteme

Bewertungssysteme sind als Anreizsysteme für das persönliche Engagement der Mitarbeiter sehr kritisch zu betrachten. Einerseits ist eine objektive Bewertung, speziell auch im heutigen unternehmerischen Umfeld, wo in Teams gearbeitet wird, nach meiner Erfahrung sehr schwer gerecht zu gestalten. Die Diskussion um die Entdeckung von Sandimmun ist hierzu ein aktuelles Beispiel ("Die Akte Sandimmun® – Ein Pharma-Skandal" von Stephan Bosch, rüffer & rub, 2009). Im Endeffekte schauen die als in ihren Leistungen als gut oder sehr gut bewerteten Personen dies als mehr oder weniger selbstverständlich an. Alle anderen, auch diejenigen, deren Leistung als gutes Mittelmass beurteilt wurde, sind frustriert. Es ist sehr stark zu bezweifeln, dass solche Systeme den Unternehmenserfolg nachhaltig steigern. Oft zeigt sich später auch, dass diejenigen, welche sich kontinuierlich aber ohne den Beurteilern speziell aufzufallen, einsetzten mehr für den Unternehmenserfolg beigetragen haben wie sogenannte „Top-Shots“, die sich mit ihrer vermeintliche aussergewöhnlichen Leistung in Szene setzen konnten.

Die finanzielle Kompensation auf Grund solcher letztendlich subjektiven Bewertungen festsetzen zu wollen ist meist verfehlt und führt nicht zu gewünschten Erfolg.

Es wurde schon mehrfach gezeigt (z.B. durch Bruno S. Frey, Reinhard K. Sprenger), dass bei seelisch gesunden Menschen die finanzielle Kompensation, wenn sie eine angemessene Höhe für die persönlichen Leistungen übersteigt, nicht wesentlich zur Leistungssteigerung beiträgt. Vielmehr sind die Sinnerfüllung der Arbeit und der soziale Einsatz Faktoren, die Menschen zu Höchstleistungen anspornen.

Zu Bonis

Vermutlich braucht kein Mensch, sagen wir einmal mehr als 500'000 Euro Jahresgehalt, um die aristotelische Eudaimonia, das „Gute Leben“ zu erreichen. Warum dann scheint es so wichtig zu sein, Boni in Millionenhöhe zu erhalten?

Eine mögliche Erklärung dafür finden wir in den Schriften des berühmten Soziologen Max Weber „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. II.“ [198]). Zitat:

Zitat:

„Ein spezifisch b ü r g e r l i c h e s B e r u f s e t h o s war entstanden. Mit dem Bewusstsein, in Gottes voller Gnade zu stehen und von ihm sichtbar gesegnet zu werden, vermochte der bürgerliche Unternehmer, wenn er sich innerhalb der Schranken formaler Korrektheit hielt, sein sittlicher Wandel untadelig und der Gebrauch, den er von seinem Reichtum machte, kein anstößiger war, seinen Erwerbsinteressen zu folgen und s o l l t e dies tun. … Sie gab ihm dazu die beruhigende Versicherung, dass die ungleiche Verteilung der Güter dieser Welt ganz spezielles Werk von Gottes Vorsehung sei, der mit diesen Unterschieden ebenso wie mit der nur partikulären Gnade seine geheimen, uns unbekannten Ziele verfolge.“

Die hohen Boni könnten also ein Zeichen dafür, dass diejenigen, die sie erhalten, von Gott auserwählt sind. Dann sind die Boni selbstverständlich gerechtfertigt, da von Gott gewollt.
Oder mindestens könnte das doch für die Betroffenen, wenn auch vielleicht nicht ganz bewusst, die innere Rechtfertigung für die Entgegennahmen der Boni sein.

Dies ist natürlich nur eine These, die auf ihre Richtigkeit noch untersucht werden müsste.

Ethik-Check als Instrument zur Umsetzung der Grundsätze der Unternehmensethik

Der Ethik-Check ist von mir aus gesehen ein nützliches Instrument für den Führungsalltag, erlaubt er doch auch bei knapper Zeit sich zu vergewissern, dass man ethische Grundregelen beachtet wurden. Das Thema Ethik-Check bei wichtigen Entscheidungen wurde im Buch “The Power of Ethical Management” von Ken Blanchard und Norman Vincent Peale, 1988 beschrieben. Leicht abgewandelt verwende respektive schule ich ihn wie folgt:

1. Sind meine Entscheide und Handlungen legal?
Werden weder Gesetze noch Unternehmens-Richtlinien verletzt?

2. Ist der Entscheid wohldurchdacht und ausgewogen. Verletze ich keine legitimen Ansprüche der Stakeholder? Habe ich ein fundierte Risikoanalyse gemacht und kann ich zu den von mir vorausgesehen Folgen meiner Handlung stehen?

3. Würde ich meine Angehörigen (Partner, Partnerin, Kinder etc.) den Folgen meiner Entscheidung aussetzen (z.B. den von mir in den Verkehr gebrachten Medikamenten).

4. Könnte mein Entscheid in den Medien publizieret werden und könnte ich dann dazu stehen? Könnte ich auch noch dazu stehen, wenn der Entscheid zu negativen Folgen führen würde?

Kommentar von Gabriele Bartsch | 23.12.2009

Klaus Leisinger macht sehr interessante praxisorientierte Vorschläge zur Stärkung der ethischen Haltung von Führungskräften. Denn das ist genau das, was wir brauchen. Die relevante Frage ist doch, wie wird Erkenntnis in die Praxis umgesetzt? Oder auch, wie werden all die schönen Leitbilder mit Leben gefüllt? Die Schlüsselkompetenz ist dabei Reflexionsfähigkeit. Dazu kann ein angeleiteter Perspektivwechsel auch sehr hilfreich sein, indem Manager und Führungskräfte z.B. Einblicke in fremde Lebenswelten bekommen und ihre eigene Situation dadurch relativieren. Das stärkt Solidarität und Verantwortungsbewußtsein. Mit unserem Programm Blickwechsel(R) machen wir dabei erstaunliche Erfahrungen. (http://www.agentur-mehrwert.de/angebote/unterneh1.html)

Kommentar von Leser | 21.12.2009

Sie konnten.

Kommentar von Ulrich Thielemann | 19.12.2009

Lieber Herr Prof. Leisinger

Haben Sie vielen Dank für Ihr Expertenstellungnahme. Die variablen Vergütungen spielen in der Tat eine Schlüsselrolle für eine verantwortungsvolle Unternehmensführung auf alle Stufen. Und zwar eine negative. Man muss dabei nicht nur an die CEOs denken, sondern auch an Mitarbeiter auf tieferen Stufen, die von „Leistungsanreizen“ betroffen sind. Es gibt ja massenhaft Beispiele dafür, nicht nur im Zusammenhang der Finanzmarktkrise, dass Mitarbeiter sich durch Boni genötigt sehen, etwas zu tun, was ihrem professionellem Berufsethos widerspricht; Teil eines Systems zu sein, in dem „ethisch ambivalente Situationen“ stets zugunsten der ökonomischen Performance gehandhabt werden; auf eine schiefe Bahn zu geraten; ihre berufliche Tätigkeit kaum mehr mit ihrer Integrität als Bürger vereinbaren zu können. Wer da nicht mitmacht, muss mit ansehen, wie seine Kollegen, denen ethische Bedenken und moralische Skrupel fremd sind, bonus-, karriere- und anerkennungsmässig an einem vorbeiziehen. Dies hält keiner lange aus. Man geht, oder man macht mit, wird zum Zyniker.

Dies heisst: Der Verantwortungsbewusste ist der Dumme. Schändlich sind solche in ihren Wirkungen (nicht unbedingt in ihrer Absicht) perfiden Anreizsystem vor allem auch darum, da sie die Unternehmensverantwortung auf die Mitarbeiter abladen. Bei krassen „Fehltritten“, die auch nicht im unternehmerischen Rentabilitätsinteresse liegen (und übrigens nur bei diesen), werden sie als „rogue employees“ fallen gelassen und entlassen.

Sie möchten diese Konstellation dadurch entschärfen, indem weitere „Anreizkriterien“ eingeführt werden, solche, die „auch moralische Integrität, das soziale Bewusstsein und die zwischenmenschliche Achtsamkeit unternehmerischen Handelns berücksichtigen“. Ich glaube, dies ist der falsche Weg. Denn wie Sie selbst schreiben, würde dies darauf hinauslaufen, dass sich „moralisch gebotenes Handeln auch unter egoistischen Gesichtspunkten lohnt“. Auf die „Integrität ihres Führungspersonals“, überhaupt ihrer Mitarbeiter, könnten die Unternehmen also verzichten. Karriere- und Bonus-„Egoismus“ wäre weiterhin erlaubt oder würde sogar weiter gefördert, nun auch noch unter ausdrücklich „ethischen“ Vorzeichen.

Falsch wäre dies aus mehreren Gründen. Zum einen sind ethische Fragen in konkreten Situationen stets Abwägungsfragen. Dass die Situation „ethisch ambivalent“ ist, ist also der Normalfall. Nicht etwa dafür, dass die Akteure bzw. hier die Mitarbeiter das angeblich so eindeutige, vorher bereits feststehende „moralisch gebotene Handeln“ tatsächlich ausführen, brauchen wir Integrität (die unter einem „moralischen“ Anreizregime dann allerdings wieder für überflüssig erklärt würde), sondern darum, weil wir ihnen ethische Urteilskraft zumuten und zugestehen. Sie sollen den Freiraum haben, jedenfalls einen gewissen, vielleicht erheblichen Freiraum, die Situation, die ihr Betätigungsfeld ausmacht und die stets ethisch konfliktär ist, verantwortungsvoll zu bewältigen. Darin besteht ihre Professionalität. Bekanntlich gehört zur Professionalität ein entsprechendes professionelles Berufsethos. Man darf also durchaus ein Stück weit darauf vertrauen, dass Professionals eine korrespondierende berufliche Integrität mit- und einbringen. Natürlich ist dies auch eine Frage der Rekrutierung und auch eine Frage der „Ethikausbildung“, die in der Tat einen „Pflichtbestandteil des Corporate Learnings“ bzw. der Ausbildung der Geschäftsintegrität der Organisation im Ganzen bildet.

Dies ist der tiefere Grund, warum es keine „richtigen“ Anreize gibt, wie Reinhard K. Sprenger betont. Die Anreizsteuerung ist überhaupt falsch. Sie entmündigt und degradiert den Einzelnen, macht ihn zum Objekt vorgegebener Ziele der „Steuerung“. (Manche lassen sich gerne zum Objekt machen, weil sie dies sehr reich macht.) Daran ändert auch nichts, wenn wir die Karotte der Boni, hinter der wir die Mitarbeiter herlaufen lassen, durch gewisse „ethische“ Kennzahlen anreichern.

Mit dem Satz: „Der Integre soll nicht der Dumme sein“, ist also etwas anderes gemeint. Nicht, dass die Akteure weiterhin ihre „unbändigen Eigeninteressen“ (Karl Homann) verfolgen dürfen, nur jetzt unter anderen, irgendwie „ethischen“ Nebenbedingungen. Vielmehr geht es um den Schutz ihrer legitimen Interessen, darum, dass ihnen keine unzumutbaren Nachteile dadurch erwachsen, dass sie ihren Beruf ethisch verantwortungsvoll ausüben. Zwischen maximalen Interessen („Egoismus“) und legitimen Interessen (als Ansprüchen) ist also ein scharfer Schnitt zu ziehen.

Zum anderen stünden die Mitarbeiter unter einem „auch (!) ethischen“ Anreizregime nach wie vor unter genau den oben beschriebenen Konflikten, die dann auf sie abgeladen würden. Sie könnten sich dann ausrechnen, welche Mischung aus „ethischer“ Rücksichtnahme und der Erfüllung der Renditeziele ihnen die grössten Vorteile einbringen. In den Worten Sprengers: „Jeder Anreiz unterläuft die natürliche Rationalität des Handelnden und erzeugt Umgehungs- bzw. Ausbeutungsenergien.“ Darum sollten die Unternehmen dafür sorgen, „dass die Mitarbeiter das Geld vergessen“. Auf dass sie sich auf die Sache ihrer Berufs, der gut und verantwortungsvoll auszuüben ist, konzentrieren können.

Warum eigentlich diese Anreizsteuerung? Vorher ging’s doch auch mit im Wesentlichen festen statt variablen Vergütungen. Natürlich sind die Anreize Ausdruck des wachsenden Drucks des Kapitals auf die Unternehmen, des Drucks der „Prinzipale“, denen alle Rechte zustehen sollen und denen keine Rendite zu hoch sein kann. Damit konnten sie die Unternehmen gleichsam kapern. Die Anreize, stets zugeschnitten auf Rentabilitätskennzahlen, hatten den Sinne, alle rentabilitätsfremden Gesichtspunkte aus der Organisation zu verbannen und die Abwägung in „ethisch ambivalenten Situationen“ stets zugunsten der Profitabilität ausfallen zu lassen.

Der Konflikt geht also tiefer. Es ist der Konflikt zwischen einer verantwortungsvollen Unternehmensführung, in der die Rentabilität einen Gesichtspunkt neben anderen bildet, und der Überhöhung der Rentabilität – je höher, desto besser – zum letztlich massgeblichen, die Organisation bis in ihre feinsten Verästelungen hinein bestimmenden Prinzip. Daher ist die Reduktion des Anteils variabler Vergütungen das ordnungspolitische Gebot der Stunde. Hier, im Markt für Unternehmenskontrolle nämlich, spielt sich letztlich die Frage ab, ob die verantwortungsvoll agierende Unternehmung nicht der Dumme ist.

Wenn man hier natürlich die grossen Harmonie, den „business case“ vermutet, dann wird Regulierung zur „Falle“. Selbstverständlich bestünde diese nicht darin, dass „Staatsangestellte“ an die Stelle der „Finanz- und Wirtschaftsmanager“ träten. Es ginge vielmehr auch hier nicht um Steuerung – oder gar Feinsteuerung – der Unternehmen, sondern darum, diesen die Freiräume für eine verantwortungsvolle, gesellschaftsdienliche Führung der Geschäfte zu verschaffen. Dass diese Freiräume durch Anreize beschränkt werden, konnte ich in diesem, für das Gefäss viel zu lang geratenen Kommentar hoffentlich zeigen.
*
*
Bitte addieren Sie 4 und 9.
*