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Expertenstatements Menschenrechte

Der „Stoff“, aus dem verantwortungsvolle Führungspersönlichkeiten sind

von Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus M. Leisinger | 17.11.2009 (Kommentare: 3)

Klaus M. Leisinger
Der wirtschaftliche Erfolg von Unternehmen hängt zunehmend an ihrer Bewertung als moralisch integer. Moral und Werte werden von Menschen in Unternehmen hinein getragen - oder eben nicht. Das Top-Management trifft dabei eine besondere Verantwortung. Weil wir wissen, aus welchem „Stoff“ verantwortungsvolle Führungspersönlichkeiten sind, müssen wir solche Menschen in Führungspositionen bringen. Ein Beitrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus M. Leisinger.

Unternehmen sind, wie Thomas Donaldson treffend bemerkte, moralisch gesehen ungewöhnliche Gebilde: Sie haben keine Hintern, in die man treten, und keine Seelen, die man verdammen könnte. Trotzdem sind Unternehmen als „juristische Personen“ Träger von Rechten und Pflichten, auch von moralischen. Und angesichts einer steigenden öffentlichen Sensibilität für die unternehmerische Verantwortungsübernahme mit Blick auf Menschenrechte, ökologische Zukunftsfähigkeit und gesellschaftliche Herausforderungen hängt an der Moralität eines Unternehmens auch ein wichtiger Teil seines wirtschaftlichen Erfolges. Unternehmen handeln allerdings nicht per se moralisch oder unmoralisch: Moralität — oder der Mangel daran — wird von Menschen, ihren Werteorientierungen, ihrer moralischen Integrität und ihrem konsistenten und kohärenten Verhalten in soziale Systeme hineingebracht.

Mitarbeiter auf allen Ebenen eines Unternehmens haben die Pflicht, für die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf andere und für das Erreichen der Unternehmensziele Verantwortung zu übernehmen. Und sie haben auch die Pflicht, für ihre moralische Überzeugungen einzutreten. Innerhalb von Unternehmen ist kaum jemand zu einer reinen Befehlsempfänger-Haltung verurteilt. In der Regel sind die individuellen Möglichkeiten des Widerspruchs gegen moralische Zumutungen groß, und zwar ohne die Folge unzumutbarer persönlicher Bedrängungen. Wer moralischen Einfluss nehmen will, kann dies tun und so die ethische Qualität von Gruppenentscheidungen erhöhen.

Führungseliten haben in allen Institutionen eine besondere Verantwortung – auch in Unternehmen. Mitglieder des Top-Managements besitzen kraft ihrer Autorität großen Einfluss auf die im Unternehmen gelebte Wertestruktur und Ethikkultur. Sie tragen sowohl die nicht-delegierbare Verantwortung für die strategische Ausrichtung des Unternehmens als auch die Verantwortung für die Charakteristiken der Unternehmenskultur: Top-Manager setzen und kommunizieren den richtigen „Ton“, bieten ein gutes Beispiel für das im Unternehmen erwartete Handeln und inspirieren andere als „Rollen-Modell“ für das im Unternehmen als anstrebenswert empfundene Verhaltensmuster. Die Vorsitzenden der Geschäftsleitung (CEOs) trifft in dieser Hinsicht eine herausgehobene Verantwortung.

Die „moralische Gauss-Verteilung“ von Menschen in Unternehmen unterscheidet sich nicht prinzipiell von derjenigen der Mitarbeiter anderer Sub-Systemen der Gesellschaft (z.B. der Politik, Zivilgesellschaft oder Religion). Und so treffen wir auch in Unternehmen am einen Ende der Normalverteilung auf ein paar wenige „Heilige“ und „Genies“, am anderen Ende auf ein paar wenige „Schurken“ und „Idioten“ und – dazwischen – auf jene „Durchschnittsmenschen“ die unsere Gesellschaft prägen. Es gibt deshalb eine Möglichkeit, aus einem - an der ethischen Qualität des Handelns gemessenen - „Durchschnitts-Unternehmen“ ein „Spitzen-Unternehmen“ zu machen: Eine möglichst große Anzahl der Führungsverantwortlichen muss aus dem „richtigen“ Ende der Gauss’schen Normalverteilung rekrutiert werden.

Das Anforderungsprofil an Menschen, denen die Führung von bedeutenden, weil Gemeinwohl-relevanten Institutionen anvertraut werden solle, ist aus allen klassischen Texten bekannt: Es sollen ganzheitliche Persönlichkeiten sein und nicht bloße Fachspezialisten. Menschen also, die sich in Bezug auf eine Reihe von Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmalen vom „Durchschnitts-Menschen“ abheben:

  • durch Intelligenz, Vertrauenswürdigkeit, Menschlichkeit, Mut und Durchsetzungsvermögen;
  • durch zur Weisheit entwickelte Vernunft, Gerechtigkeitsinn, Ehrlichkeit, Tapferkeit und Besonnenheit;
  • durch Leidenschaft im Dienst der Sache, Verantwortungsempfinden für die Folgen des eigenen Tuns im Interesse des Sachanliegens;
  • durch Augenmaß im Sinne der Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen und die notwendige Distanz zu den Dingen und Menschen zu wahren;
  • durch Achtsamkeit für die Anliegen der von Entscheidungen Betroffenen, Fairness, soziale Kompetenz, Zivilcourage, Lernfähigkeit und die Fähigkeit, die eigene Meinung zu ändern, wenn tiefere Einblicke zu besseren Einsichten;
  • und vielleicht auch durch Charisma im Sinne von Augustinus‘ Diktum, wonach in Dir brennen muss, was Du in anderen entzünden willst...

Es ist die Wertehaltung der Führungselite, die bestimmt, wie das Unternehmen und dessen Rolle für das gesellschaftliche Umfeld definiert wird. Verantwortungsträger legen mit ihren Wertprämissen und personalen Tugenden die Auswahl der als legitim erachteten Handlungsoptionen fest und setzen sie in der Praxis durch. Aus meiner über 30-jährigen praktischen Erfahrung waren die persönlichen Wertprämissen des Top-Managements, das soziale Bewusstsein und die Zivilcourage, auch bei „Gegenwind“ für die eigenen Überzeugungen einzustehen, die wichtigsten Determinanten für die ethische Qualität eines Unternehmens. Das macht -neben dem Fachwissen - die personalen Tugenden der Führungsverantwortlichen und der ganzen Belegschaft zu den wichtigsten Ressourcen und Kompetenzen eines Unternehmens.

Da es in Unternehmen keine ethischen Fragestellungen gibt, die nicht zugleich auch wirtschaftliche Handlungsbeschränkungen implizieren, muss das Top-Management das aus der Philosophie altbekannte „richtige Maß“ finden und durch Interaktion mit seinen Stakeholdern möglichst friktionsfrei durchsetzen. Wer will kann also wissen, aus welchem „Stoff“ Führungspersönlichkeiten sind, die ihre Unternehmen verantwortungsvoll und auf legitime Weise innerhalb ethisch reflektierter Leitplanken lenken.

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Kommentar von Dr. Volker Brecht | 23.11.2009

Das "rechte Maß" stammt nicht aus der Philosophie, sondern ist das entscheidende Kriterium der benediktinischen Ordensregel ... aber das nur nebenbei und zugleich eine Einladung zur Nächsten Jahrestagung, Herr Leisinger - da geht's um Religion ...
Viel wichtiger scheint mir das Thema "Durchschnitts-Menschen",Gauss-Kurve etc. , das impliziert eine Art moralischer Elitenbildung, die ich für gefährlich halte. Wo bleibt nach Leisingers "Selektion" der Eliten der Rest - wie "verwerten" wir dann unternehmerisch die von der anderen Seite der Gauss-Kurve? Ein Förderansatz zur ethischen Wertsteigerung aller im Unternehmen befindlichen personen scheint mir weitaus "fruchtbarer" und ethisch vertretbar ...
Volker Brecht

Kommentar von Katharina Knoll | 18.11.2009

Wie ich finde ein sehr spannender und erfreulich zu lesender Beitrag von Herrn Prof. Leisinger.

Probleme bestehen wie so immer in der Umsetzung der vorgenommenen guten Taten, wie Frau Polzin bereits ansprach: Wer rekrutiert die moralisch gestandenen Führungskräfte, wenn der „Fisch bereits vom Kopf her stinkt“? Zudem rekrutiert meist vorab nicht der Kopf, sondern so genannte „ausführende Personalkräfte“ - Stabstellen, die oftmals erst verstärkt auf moralische Selektionskriterien angewiesen und geschult werden müssten.
Deshalb sehe ich bei der Umsetzung „moralisches und werteorientiertes Handeln im gesamten System – Unternehmen“, also ebenfalls in den Sub-Systemen der Abteilungen, vor allem kritische Aspekte im operativen Geschäft und in der Sensibilisierung der Gaußschen Durchschnittsmasse – die in der Summe auch viele wichtige Entscheidungen im Unternehmen trifft. Auch wenn jeder eigens sich für moralische Prinzipien entscheiden kann, können doch vielfältige limitierende Faktoren, wie z.B. Zeitdruck, Konkurrenzkampf und oftmals ausschließlich monetär festgesetzte Zielvorgaben dazu führen, dass moralische Vorstellungen, falls überhaupt vorhanden, schnell „unter den Teppich“ gekehrt werden. Um dies zu verhindern, müssten verstärkt feste Wertesysteme und Handlungsanweisungen vom Top-Management für reale Alltagsentscheidungen konkretisiert und auch in die Denkweise unterer Mitarbeiterschichten getragen werden. Eine offizielle Legitimation und die Sensibilisierung der gesamten Belegschaft „moralisch“ oder doch einfach mit gesundem Menschenverstand zu handeln, ermöglicht es erst, dass eine Mehrheit im Unternehmen in Entscheidungssituationen auch „moralisch“ abwägt und trotz möglicher wirtschaftlicher Handungsbeschränkungen das „richtige Maß“ findet.
Moralische Entscheidungen zu treffen verlangt weiterhin, wie Herr Prof. Leisinger meinte, nach eigenständigen, verantwortungsvollen und ganzheitlich denkenden Persönlichkeiten, die auch Mut zum Quer-Denken und Handeln heutzutage beweisen. Wollen Unternehmen diese Art von teils „Gegen-den-Strom“ denkenden Persönlichkeiten wirklich rekrutieren oder möchten sie auf einfachem Wege die „Masse“ doch lieber als ausführende Kräfte beibehalten?
Wie steht es weiterhin mit der nachwachsenden jungen Mitarbeiter- und Führungsschicht, bilden wir derartige „moralisch gesunde und stabile“ Persönlichkeiten in unseren Bildungs- und Gesellschaftssystemen denn wirklich aus?
Herzlicher Gruß
Katharina Knoll

Kommentar von Doris Polzin | 18.11.2009

Ein sehr guter Aufsatz von Prof. Leisinger. Es stellen sich bei Betrachtung der aktuellen eher leidlichen Verhältnisse in Unternehmen zwei Fragen:
a) Wer wählt diese wünschenswerten Führungskräfte am anderen "richtigen" Ende der Gauss Verteilung aus? Wenn nicht schon derjenige dazu gehört, der auswählt, werden nicht die "Richtigen" gewählt.
b) Mit welchen Mitteln kann der/die "Richtige" am anderen Ende der Gauss Verteilung ausgewählt werden. Wie kann man das "Echte" sichtbar machen?
Ich freue mich auf einen Diskurs.
Beste Grüße
Doris Polzin, M.A.
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Was ist die Summe aus 6 und 2?
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