Auf der Jahrestagung des Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik
stellte der Volkswirtschaftler Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff von der
Universität Passau Daten zu Religion und Korruption im Ländervergleich vor. Eine
wichtige Datenbasis bildeten dabei korruptionsrelevante Fragestellungen aus der
von Gallup International in 49 Ländern durchgeführten Umfrage "Voice of
the People", die durch Transparency International um 17 weitere Länder
ergänzt wurde. Das DNWE-Forum sprach mit Prof. Lambsdorff über den Zusammenhang
von Religion und Korruption:
DNWE: Herr Prof. Graf Lambsdorff, nach den von Ihnen
vorgestellten Daten bestechen Protestanten weniger als Katholiken - warum?
Graf Lambsdorff: Länder mit einem höheren Anteil an Protestanten
werden von Experten als weniger korruptionsanfällig eingeschätzt. Das findet in
der Literatur allgemein Anerkennung. Auch auf der individuellen Ebene ist
erkennbar: Protestanten bestechen seltener als Katholiken, selbst dann, wenn
sie im gleichen Land leben. Aber: Eine Evidenz für unterschiedliche
individuelle Einstellungen von Protestanten zur Korruption findet sich nicht.
Bei der Frage, ob Bestechung inakzeptabel sei, gibt es keine Unterschiede.
DNWE: Wie lässt sich denn dann deren geringeres
Korruptionsniveau erklären?Graf Lambsdorff: Ich sehe Erklärungsansätze auf
individueller und kollektiver Ebene: Auf individueller Ebene hat eine
Bestechungshandlung viel mit ökonomischem Kalkül zu tun. Wenn zu befürchten
ist, dass der versprochene Vorteil ausbleibt, werden Bestechungshandlungen eher
unterlassen. Nun geht der Protestantismus mit einem verstärkten Individualismus
einher. Protestanten leben tendenziell in weniger verbindlichen Netzwerken. Und
sie entwickeln möglicherweise weniger Zutrauen dahinein, dass der Bestochene
die zugesagte Handlung erbringt.
Auf kollektiver Ebene ist zu beobachten: Protestanten konnten
korruptionsresistentere Institutionen aufbauen, die dann wirken, wenn
Individuen sonst der Versuchung nachgeben würden.
DNWE: Wie steht es grundsätzlich um den Einfluss von
Religionen auf Korruptionsniveaus?
Graf Lambsdorff: Neuere Untersuchungen zeigen: Der Einfluss
von Religionen auf Bestechungshandlungen ist generell nicht so stark wie
vermutet. Aber: Wenn eine Religion in einem Land die Mehrheitsreligion
darstellt, dann kann sie starken Einfluss entfalten. Anhänger einer
Mehrheitsreligion, also einem religiösen Bekenntnis, das von mindestens 50% der
Bevölkerung geteilt wird, bestechen weniger. Und selbst bei den Anhängern der
Minderheitsreligionen ist ein korruptionsverringernder Einfluss erkennbar, wenn
ein Land von einer Mehrheitsreligion geprägt ist.
DNWE: Führt dann im Umkehrschluss die Säkularisierung - der
in vielen Ländern zu beobachtende Verlust der Bindungskraft von Religionen - zu
einer Zunahme der Korruption?
Graf Lambsdorff: Gegen diese These spricht, dass in Ländern
ohne Mehrheitsreligion der Anteil der Atheisten keinen Einfluss auf das
Bestechungsniveau besitzt. Menschen ohne Religion bestechen ebenso häufig wie
religiöse Menschen. Atheisten leben jedoch zu einem großen Teil in Ländern mit
bürgerlichen Freiheiten. Solche Länder erleichtern die Abkehr von Religionen
und die individuelle Lebensgestaltung. Und hier finden sich insgesamt
niedrigere die Korruptionsniveaus.
DNWE: Bürgerliche Freiheiten finden sich häufig in Ländern
mit hohem Wohlstandsniveau. Wird in reichen Ländern also weniger bestochen? Graf Lambsdorff: In reichen Ländern gibt es weniger
Korruption. Allerdings bleibt unklar, was dabei Henne und was Ei ist. Reiche
Länder können eher korruptionsresistente Institutionen schaffen,
existenzsichernde Löhne zahlen und eine effektive Strafverfolgung organisieren.
Es gibt eine bessere Infrastruktur und sozialen Fortschritt, eins greift da ins
andere.
Andererseits: Innerhalb desselben Landes besteht kein
Zusammenhang zwischen Armut und Korruption. Reiche bestechen nicht seltener als
Arme. Und auch das Bildungsniveau besitzt keinen Einfluss auf die Bestechungshäufigkeit.
DNWE: Herr Prof. Graf Lambsdorff, was lässt sich aus den
Erkenntnissen der Korruptionsforschung für konkretes politisches oder
unternehmerisches Handeln ableiten?
Graf Lambsdorff: Zunächst einmal unterstützen die
vorhandenen Daten in keiner Weise das gängige Freund-Feind-Denken: Wir - die
Guten - bestechen weniger als die Fremden aus den für uns wenig durchschaubaren
anderen Kulturen. Der internationale Vergleich widerlegt diese Annahme. Und
auch die Protestanten haben - blickt man auf ihre individuellen Einstellungen -
keinen Grund, sich für etwas Besseres zu halten. Auf diesem Hintergrund
relativiert sich auch eine im Zusammenhang mit der Migration oft geäußerte
Befürchtung: Migranten bringen ihre Bestechungskultur mit. Das ist
unberechtigt, denn andere Religionen verbinden sich nicht mit einem
systematisch anderen Bestechungsniveau - lediglich der Hinduismus schnitt hier
etwas schlechter ab.
Dagegen besteht in muslimischen Gesellschaften die Angst vor
einer Erosion ihrer Gesellschaft im Zuge einer religiösen Öffnung
möglicherweise zu Recht, denn hier würde eine Mehrheitsreligion die bereits
beschriebene Bindungskraft verlieren. Diese Sorgen müssen wir als
Begleiterscheinung der Globalisierung ernst nehmen.
DNWE: Was heißt das dann für die weltweiten mit der
Globalisierung verbundenen Transformationsprozesse?Graf Lambsdorff: Wir sollten aus dem Westen keine Rezepte
vergeben. Traditionelle Wertesysteme können einen wichtigen Beitrag zur
Korruptionsbekämpfung leisten. Dort, wo Länder sich im Umbruch befinden, ist
ein Dialog notwendig, wie die Ächtung der Korruption als verbindliche Norm
erhalten bleiben kann. Demokratie mit der Brechstange einzuführen, ist hier
sicherlich der falsche Ansatz.
DNWE: Bisher sprachen wir über den Einfluss von Religion auf
Korruption. Welche sonstigen wichtigen Einflussfaktoren gibt es?
Graf Lambsdorff: Es gibt einen deutlichen
Geschlechterunterschied: Männer bestechen häufiger als Frauen. Dabei halten sie
Korruption nicht für akzeptabler, als es Frauen tun. Aber sie vertrauen eher
darauf, nach einer Korruptionshandlung auch die zugesagte Leistung zu erhalten.
Hier liegt überhaupt eine der wichtigsten Einflussgrößen:
Wie sicher bin ich mir, dass nach der Korruptionshandlung auch tatsächlich
geliefert wird? Das Vertrauen auf die korrupte Reziprozität bestimmt das Ausmaß
von Korruption weltweit entscheidend: Nur 13 % bestechen, wenn sie sich über
den Erhalt der erwarteten Leistungen völlig unsicher sind. Erscheint die
erwartete Leistung dagegen als sicher, steigt das Korruptionsniveau auf 28 %.
DNWE: Vielen Dank für das Gespräch!
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Kommentar von t | 16.04.2010
DNWE: Herr Prof. Graf Lambsdorff, nach den von Ihnen vorgestellten Daten bestechen Protestanten weniger als Katholiken - warum?
Zitat: "Länder mit einem höheren Anteil an Protestanten werden von Experten als weniger korruptionsanfällig eingeschätzt."
Kommentar: Aha, Experten behaupten! Wer sind denn die Experten und wo darf man das nachlesen?
Z: "Das findet in der Literatur allgemein Anerkennung."
K: Wo? Ich sehe keinen Verweis zu den entsprechenden Quellen welche diese Behauptung belegen können. Damit bleibt sie eine reine Behauptung.
Z: "Auch auf der individuellen Ebene ist erkennbar: Protestanten bestechen seltener als Katholiken, selbst dann, wenn sie im gleichen Land leben."
K: Wo ist das erkennbar und wer hat das wie erkannt? Belege für diese Behauptung? Ist das in den Gallup-Daten erkennbar? Wenn ja, darf man sich die Daten und ihre Erhebunsweise mal selber genauer ansehen?
Z:"Aber: Eine Evidenz für unterschiedliche individuelle Einstellungen von Protestanten zur Korruption findet sich nicht. Bei der Frage, ob Bestechung inakzeptabel sei, gibt es keine Unterschiede."
K: Wie darf man das interpretieren? Alle Protestanten beurteilen Korruption gleich???
Entschuldigung, aber das riecht sehr stark nach pseudo-wissenschaftlichem Geschwafel. Es werden Behauptungen aufgestellt und für den Leser ist nicht nachprüfbar in wie weit die Aussagen Substanz haben, da jegliche Quellenangaben fehlen bzw der Zugang zu entsprechenden Daten nicht für jeden problemlos möglich ist. So etwas ist aus meiner Sicht unseriös (wenn auch in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung nicht unüblich)!
Das wirft aus meiner Sicht kein gutes Bild auf die Qualitätsstandards innerhalb des DNWE. Als Mitglied erwarte ich seriöse Arbeit!
Kommentar von E | 04.05.2010
Kommentar von t | 26.05.2010
wäre es denn so schwer bei einem schriftlich(!) publizierten Interview ein Paar Fußnoten mit anzufügen?
Wenn unter der Überschrift "Expertenstatement" ein Professor interviewt wird, dann wird man doch wohl gewisse wissenschaftliche Qualitätsstandards einfordern dürfen... oder etwa nicht?
Vielleicht kann er ja alle seine Aussagen gut belegen?
Im Moment ist das leider für den interessierten Leser nicht nachprüfbar und deshalb bin ich da mal skeptisch, auch wenn ein "Experte" spricht. Vielleicht löst sich meine Skepsis ja auf, wenn ich die entsprechenden Quellen gelesen habe. Vielleicht stimme ich dem "Experten" dann sogar zu.
Im Moment bin ich auf jeden Fall skeptisch und betrachte es als DNWE-Mitglied sehr kritisch, wenn das DNWE hier ein provokantes "Experten-Interview" publiziert, dessen Aussagen nicht im Geringsten nachprüfbar sind.
Kommentar von D | 13.09.2010
beim Interview mit Prof. Johann Graf Lambsdorff hätte man sich ruhig auf ein paar Quellen beziehen können, da auch bei mir einige Fragen zur wissenschaftlichen Nachvollziehbarkeit offen geblieben sind.
Kommentar von Dirksen | 24.03.2011
Ich beobachtete, daß sie besonders in den "Neuen Ländern", die es gewohnt waren, nach dem Motto zu leben: "SKET" (Sehen, Kaufen, Einlagern, Tauschen) Die sind heute noch gefügig beim Bauantrag. Wer die "Mulde im Schreibtisch" übersieht kann um eine Vermögen gebracht werden! Das hat wohl mit Glauben nichts weiter zu tun.
Ansonsten kann ich nur vom Hörensagen antworten, daß der Graf L. in die Kerbe der groß angelegten Meinung legt.