Thema Corporate Governance

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Expertenstatements Corporate Governance

Manager – alles nur Gier?

von Prof. Dr. habil. Josef Wieland | 29.01.2009

Wer illegales und unmoralisches Verhalten in der Wirtschaft verhindern will, muss den Zusammenhang zwischen individueller Gier und den Triebkräften der Umwelt ins Visier nehmen. Die aktuelle Diskussion über die Gier der Manager führt eher in die Irre. Wir brauchen eine Analyse der individuellen und strukturellen Auslöser wirtschaftskriminellen Verhaltens.
Von Prof. Dr. habil. Josef Wieland


Verfolgt man die Berichte und Kommentare der Medien sowie die öffentliche politische Diskussion zur gegenwärtigen moralischen Verfassung des deutschen Managements, dann spielt der Begriff der „Gier“ eine zentrale Rolle. Korruption, Steuerhinterziehung, Betrug, Hedge-Fonds – wohin man schaut, zeigt die Gier ihr wahres Gesicht. Als erprobte und verlässliche Gegenmittel gegen die grassierende Gier werden heute Werte wie „Anstand“, „Ehre“, „ehrbarer Kaufmann“ und so weiter in die Diskussion eingeführt, die das Wirtschaften des ausgehenden Mittelalters bis zum 20. Jahrhunderts normativ ausrichten sollten.
Nach meiner Überzeugung zeigt sich in dem öffentlichen Gier-Diskurs die ganze Hilf- und Sprachlosigkeit der ökonomischen, politischen und medialen Eliten im Blick auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise. Hier ein paar Punkte zur Überlegung in dieser Sache.

Erstens: Der „ehrbare Kaufmann“ war zu keiner Zeit eine Ist-Beschreibung, sondern eine normative Soll-Forderung, gerade weil die Kaufleute dieser Zeit alles andere als durchgängig „ehrbar“ waren. Jedenfalls waren sie, wenn die tradierten Geschichten nicht trügen, den heutigen Managern an Durchschnittsmoral nicht überlegen.

Zweitens: Ehre und Freundschaft rangieren in dieser Welt über dem Gesetz, und zwar aus dem Grund, weil das Gesetz als schwach und schwer durchsetzbar angesehen wurde. Private Erzwingungsmechanismen werden öffentlichen vorgezogen, weil sie effizienter die Einhaltung von Vertrags- und Geschäftsversprechen sicherzustellen scheinen. Allerdings hat sich hier die Lage in modernen Gesellschaften gründlich geändert. Ein ehemaliger hoher Politiker, der vor nicht allzu langer Zeit sein „Ehrenwort“ über den Gehorsam gegenüber dem Gesetz stellte, erregte seinerzeit eher Kopfschütteln, auch wenn ihm seine Haltung als „anständig“ vorgekommen sein mag. Dass der „ehrbare Kaufmann“ als Vertragsgarant im Laufe der Geschichte vom Staat als „third party enforcer“ abgelöst wurde, dafür gab es immer gute Gründe.

Drittens: Gier ist Ausdruck des menschlichen Strebevermögens, welches als ein Zuviel das rechte Maß verfehlt. Schon die griechische Antike wusste, wie ungesund sie für den Menschen ist und hat dies in der Sage vom Perserkönig Midas kommuniziert. Der Gegenbegriff zu Gier ist die Acedia, die Trägheit des Herzens, eine der sieben Wurzelsünden des Christentums, die ein Zuwenig des Strebens anzeigt. Wie auch immer: Gier gehört zur Naturausstattung des Menschen und erklärt als solche nur dessen Potenz, vom rechten Maß abzuweichen. Was aber folgt daraus, dass jemand seine Gier nicht im Griff hat? Nahegelegt wird, dass die heutigen Probleme der Wirtschaft ein Ausdruck individuellen Versagens seien, deren Kur dann konsequenterweise in einen Appell an den Anstand des Einzelnen kulminiert. Dabei erklärt Gier nicht einmal spezifisches abweichendes Verhalten - also Korruption, Betrug und so weiter. Im besten Fall ist dieser Erklärungsansatz Ausdruck moralischer Besorgnis. Nötig ist dagegen eine genaue Analyse der individuellen und strukturellen Trigger wirtschaftskriminellen Verhaltens. Deren Zusammenspiel zu verstehen ist sowohl zum Verstehen als auch zur Prävention „gierigen“ Verhaltens unabdingbar. Dies ist die Aufgabe eines professionellen Compliance Managements.

Die Kunst der Compliance muss also davon ausgehen, dass unrechtmäßiges Handeln in Unternehmen nicht einfach als individuelles Fehlverhalten charakterisiert werden kann, obgleich dies sicherlich auch richtig und immer der Fall ist. Compliance muss darüber hinaus die Frage nach den Triebkräften und der Umwelt individuellen Fehlverhaltens präziser stellen: Wie konnte es zu „moral disengagement“ von Managern kommen, und wie wirkt dieser Prozess zusammen mit risikoreichen und moralisch grenzwertigen Geschäftsmodellen? Darüber sollten wir mehr wissen. In der Zusammenschau beider Faktoren zeigen sich Korruption und andere dolose Handlungen zwar immer als ein Rechtsbruch, aber es wird zugleich sichtbar, dass sie immer auch zu einem bestimmten, zumindest stillschweigend geduldeten Geschäfts- und Organisationsmodell gehören. Sie dienen dort dazu, wirtschaftliche Transaktionen anzubahnen und abzuwickeln. Solange sie dies erfolgreich leisten, gelten sie in bestimmten sensiblen Bereichen des Wirtschaftslebens als „unausweichlich“, als „zum Geschäft gehörend“. Wer illegales und unmoralisches Verhalten in der Wirtschaft verhindern will, muss genau diesen Zusammenhang ins Visier nehmen. Doch diese Einsicht wird durch die Rede von der überall grassierenden Gier verstellt.

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Kommentar von Paul Gourgai | 23.05.2009

Die vielfach beobachtbare negative Grenzmoral lässt es als nicht gänzlich unwahrscheinlich er-scheinen, dass jemand, der so konditioniert ist, dass er den Aufstieg in einer betrieblichen Hierarchie zu seinem Lebensziel macht, geradezu zwangsläufig bis an die Grenzen des gesetzlich Möglichen gehen muss. Und manchmal auch darüber hinaus, denn offenbar hat sich ein individualistisches Nützlichkeitsethos durchgesetzt, das darauf gerichtet ist, das ökonomisch Mögliche und das psychologisch Akzeptable zusammentreffen zu lassen.
Dies findet Bestätigung in einer Studie über die ethischen Haltungen deutscher Manager, die zu dem Ergebnis kommt, dass traditionelle Werthaltungen "bei Führungskräften durch eine opportunistische Situationsorientierung abgelöst (werden), die sich keinen als verbindlich erachteten normativen Kriterien verpflichtet fühlt, sondern dem Diktat der Prosperität und der ökonomistischen Logik gehorchen."

Paul Gourgai, 30. Januar 2009

Kommentar von Dr. Volker Brecht | 23.05.2009

Analytisch bringt es dieser Beitrag auf den Punkt: Monokausale Erklärungsmuster taugen selten um komplexe Probleme zu beschreiben. Doch ändern die systemischen Schwächen nichts daran, dass zur Lösung des komplexen Szenarios der Faktor "Mensch" die entscheidende Rolle spielt: Denn es sind Menschen die korruptionsanfällige oder Gier fördernde Systeme entwickeln. Die Frage bleibt unbeantwortet: Wie und wo liegt der Ansatz zur Veränderung in wirtschaftsethischen Problemstellungen? Und ganua da endet der Beitrag - einen Lösungsansatz bleibt er schuldig ...

Dr. Volker Brecht, 30. Januar 2009

Kommentar von Maximilian Metzner | 23.05.2009

Meine Frage hierzu lautet: Wo genau liegen die Orte der "Moral" des Wirtschaftens? Denn wirtschaftsethische Meinungsverschiedenheiten gründen weniger in unterschiedlichen Konzepten, die von Menschen entwickelt werden, als in den "Orten" der Moral. Im Grunde genommen geht es um das Verhältnis von Individual- und Organisations- bzw. Institutionenethik. Beide bedingen sich gegenseitig und sind geprägt von dialektischen Wechselbeziehungen. Tugendethische Ansprüche sind nur in einem Rahmen institutioneller Ordnung zumutbar. Andererseits sind die Regeln nur vor freien, mündigen und verantwortungsvollen Bürgern begründbar. In diesem Spannungsfeld sollten Extrempositionen im Erklärungsversuch vermieden werden. P.Ulrich (1993, 1993b und 2001) unterscheidet in diesem Zusammenhang fünf "Orte" der Moral des Wirtschaftens: Wirtschaftsbürger, Unternehmung, Markt, staatlich gesetzte Rahmenordnung des Marktes, kritische Öffentlichkeit. Dies könnte uns auf die Spur für den Ansatz wirtschaftsethischer Veränderungen bringen.

Maximilian Metzner, 02. Februar 2009
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