Integration durch Beschäftigung - Spannbreite der Herausforderungen riesig!

Quelle: https://twitter.com/dnwe

An einem der letzten Abende im April haben sich 20 Berliner Engagierte im Wirtschaftsethischen Salon in entspannter und überaus tatkräftiger Atmosphäre über die Bedingungen für INTEGRATION DURCH BESCHÄFTIGUNG austauschen können. Gleich hinter dem Berliner Alexanderplatz waren wir mit dem Berliner DNWE-Regionalforum bereits zum wiederholten Mal im Alten Heizhaus der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte zu Gast; ein historischer Ort, dessen bequeme Sessellandschaft zum Nachdenken bei Kerzenschein einlädt.

Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, wie verantwortliches Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft zur Lösung der Herausforderungen von Flucht und Migration beitragen kann. Im Titel der Einladung zum Salonabend war diese weitreichende Fragestellung bereits auf jene Rolle heruntergebrochen, die Arbeitgeber und Unternehmen dort ausfüllen können, wo sie Geflüchteten die Chance auf „Integration durch Beschäftigung“ geben. Mit dieser leicht konkretisierten Fragestellung im Blick, war es ein Vergnügen, den Gedankenaustausch mit einem prägnanten Input von Svenja Rahf zu eröffnen, der Projektmanagerin des Berliner Ausbildungsbegleitprogramms ARRIVED (www.arrived-berlin.de), einem Integrationsprojekt für das Berliner Handwerk in Trägerschaft der BGZ Berliner Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit mbH. Frau Rahf berichtete davon, wie in enger Partnerschaft mit der örtlichen Handwerkskammer jene Geflüchteten gezielt begleitet werden, die bereits eine betriebliche Ausbildung im Berliner Handwerk begonnen haben. Diese Migranten können in Ergänzung Ihrer dualen Ausbildung in Fachbetrieb und Berufsschule auf eine Reihe von Unterstützungsleistungen zurückgreifen, darunter:

  • Vorbereitenden und begleitenden Deutschunterricht,
  • Seminare zur Einführung in die Arbeitswelt,
  • Unterstützung bei Wohnungssuche und Behördengängen,
  • Coaching für die Auszubildenden und die Ausbildungsbetriebe,
  • Unterstützung der sozialen Integration durch Mentoren und ein Tandemprogramm.

Wer sich an dieser Stelle noch einmal kurz vor Augen führt, welche gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen damit verbunden sind, (im Zweifel erst vor kurzem zu uns) geflüchtete Menschen in den hoch differenzierten deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren, wird sich nicht wundern, dass die Teilnehmer unseres wirtschaftsethischen Salons bereits an dieser frühen Stelle hinterfragten, welche Grundvoraussetzungen sowohl für die Diskussion als auch die thematisierte Integrationsanstrengung erfüllt sein müssen. Das betrifft zunächst einmal die Terminologie des Diskussionsgegenstandes selber: Sprechen wir von Arbeit, von Beschäftigung, von Ausbildung oder doch vom „Sand schippen“ (ungelernte Baustellenhilfstätigkeit ohne Sprachkenntnisse)? Dadurch wird deutlich, wie wir zur Strukturierung des Integrationsvorhabens ganz genau hinschauen müssen, welche Flüchtlinge wir im jeweiligen Fall vor uns haben. Handelt es sich um einen kürzlich Angekommenen ohne jegliche Kenntnisse der deutschen Sprache und oft auch ohne Wissen vom lateinischen Alphabet? Vielleicht hat der mögliche Bewerber um eine Ausbildungsstelle, ganz anders hier der Blickwinkel, aber sogar bereits das Sprachniveau „B1“ (Ausbildungsfähigkeit) erreicht?

An dieser Stelle war es dem bewegenden Bericht von Martina Reuter geschuldet, einer der Gründerinnen der Berliner Initiative „GermanNow“ (www.germannow.de), dass sich die „Salonisten“ ein Gefühl dafür erarbeiten konnten, wie unglaublich weitläufig die Spannbreite des jeweils vorauszusetzenden Wissensstands der geflüchteten Menschen ist. Frau Reuters komplett ehrenamtlich getragenes Projekt kümmert sich um die kostenfreie Vermittlung erster Deutschkenntnisse für geflüchtete Menschen, unabhängig von Herkunftsland oder offiziellem Status in den Erst- und Notunterkünften. Deutschunterricht bedeutet für sie nicht nur Vermittlung von Sprache sondern auch Kulturvermittlung. GermanNow wurde erst im 4. Quartal 2015 von Berliner Engagierten gegründet und unterrichtet aktuell mit insgesamt etwa 1400 freiwilligen Deutschmentoren, den Wenigsten darunter ausgebildeten DAF-Lehrern, pro Woche jeweils annähernd 1000 geflüchtete Menschen (Stand Ende April 2016). So standen nicht zuletzt immer wieder drei Zahlen im Mittelpunkt des genauso gemütlichen wie angeregten Salonabends:

12  –  50  –  1000

Das eingangs erwähnte Ausbildungsbetreuungsprojekt ARRIVED kümmert sich derzeit um 12 geflüchtete Menschen, die letztes Jahr mit der Ausbildung begonnen haben. Nach dem erfolgreichen Start der Pilotphase 2015 werden in dem Projekt nun bis zum Jahresende 50 geflüchtete junge Menschen gefördert. Das Projekt finanziert sich aus Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und ist sowohl in der vorbereitenden Qualifizierungsphase für junge geflüchtete Menschen tätig, als auch in unterstützender Begleitung während der Berufsausbildung. Voraussetzung dafür sind sprachqualifizierte Teilnehmer, die schon über Deutschkenntnisse mindestens auf dem Niveau von B1 verfügen, d.h. in der Regel schon länger als 1,5 Jahre in Deutschland sind. Viel größer sind die Betreuungszahlen beim Projekt GermanNow. Um auch den Neuankommenden so schnell wie möglich eine Chance auf Integration zu ermöglichen, werden über 1000 Menschen jede Woche von Ehrenamtlichen direkt in Flüchtlingsunterkünften oder in den Erstbetreuungseinrichtungen in einfachsten Deutschkenntnissen unterrichtet.

Eine der wertvollen Brücken zwischen diesen beiden Welten, jener der Primärbetreuung in den Massenunterkünften und jener der Ausbildungsrealität in Berliner Unternehmen, wurde uns von Frau Irena Büttner nähergebracht. Die diplomierte Lehrerin ist seit einigen Wochen als „Willkommenslotsin“ im Programm „Passgenaue Besetzung“ tätig, dass – getragen durch die deutschen Handwerkskammern – vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie finanziert wird (siehe bspw. https://www.hwk-berlin.de/ausbildung/einstieg-in-die-ausbildung). Frau Büttner berichtete uns von den vielfältigen Vorraussetzungen, die in Ausbildungsbetrieben an geeignete Kandidaten gestellt werden. Angefangen bei entsprechenden Deutschkenntnissen, betrifft das aus Sicht der Betriebe aber gerade auch Fragen der Finanzierung und Organisation jener ausbildungsergänzenden Maßnahmen, die bei Azubis mit deutschem Hintergrund überwiegend nicht notwendig erscheinen. An dieser Schnittstelle arbeitet ARRIVO BERLIN (http://arrivo-berlin.de), eine Ausbildungs- und Berufsinitiative zur orientierenden Integration von geflüchteten Menschen in den Berliner Arbeitsmarkt. Ziel, der durch die HWK und das Netzwerk für Bleiberecht „bridge“ (http://www.bridge-bleiberecht.de) getragenen Maßnahme, ist es geflüchteten Menschen, die selbständig für sich sorgen möchten, beruflichen Anschluss zu ermöglichen. Hierbei geht es zunächst gerade nicht um belegbare Zertifikate oder Abschlüsse, sondern um praktische Fähigkeiten. Unter dem Slogan „Flüchtling ist kein Beruf“ werden vor allem Praktika und Orientierungsarbeitsphasen angeboten.

Entlang dieser (nicht selten wunderbar persönlichen) Berichte fand in der so bequemen Sofaatmosphäre des Salonabends eine intensive Diskussion zwischen tief emphatischen Diskutanten statt. So berichtete einer der Gründungsvorsitzenden des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik, Herr Dr. Dr. Thomas Bausch, von seinem Projekt Flüchtlingspaten Syrien (http://fluechtlingspaten-syrien.de). Der gemeinnützige Verein hat inzwischen über 100 syrischen Flüchtlingen die Chance auf einen Neustart in Deutschland gegeben und sich dabei vor allem auch um das schwierige Thema Familienzusammenführung verdient gemacht. Das Konzept funktioniert wie folgt: Das Berliner Landesaufnahmeprogramm ermöglicht einen Familiennachzug, sofern ein syrischer Verwandter (Referenzgeber), der mit sicherem Aufenthaltsstatus seit mindestens einem Jahr in Berlin wohnt, einen Verpflichtungsgeber stellen kann, der für sämtliche Kosten, die dem Staat durch den Flüchtling entstehen könnten (z.B. Sozialhilfe, Wohngeld, Kindergeld etc.) in Form einer Bürgschaft haftet. Der Verein prüft den jeweiligen Fall, findet Verpflichtungsgeber, organisiert Visum und Flug, Wohnung und Einrichtung derselben und finanziert über Spenden und Crowdfunding die entstehenden Kosten der laufenden Lebenshaltungskosten. Ziel ist eine Integration der Flüchtlinge in die Alltäglichkeit des Lebens in Deutschland; es werden Sprachkurse angeboten und jeder Flüchtling bekommt einen ehrenamtlichen Lotsen, der die ankommenden Menschen durch die bürokratischen Wege führt und mit Rat und Tat zur Seite steht. Die Flüchtlingspaten gehen also über das Konzept einer Integration durch Arbeit weit hinaus und übernehmen in kleinen Schritten eine umfassende Begleitung für ankommende Menschen. Das langfristige Ziel ist die Integration und das heißt insbesondere auch: Integration durch Arbeit!

Der Mittelständler Dr. Christoph Golbeck, zugleich der Autor dieser Zeilen, ermöglichte den Anwesenden einen ersten Einblick in die Ausbildungsrealität in einem Handwerksbetrieb vor Ort. In seinem Berliner Kfz-Meisterwerkstatt, der Autohaus Golbeck GmbH im Boxhagener Kiez, übernahm er im November 2015 Herrn Prince Okafor in Ausbildung. Der nigerianische Flüchtling berichtet von sich, sein Traumberuf wäre der des Kfz-Mechatronikers (siehe bspw. www.nzz.ch/international/deutschland-und-oesterreich/der-fluechtling-wird-zur-fachkraft-1.18663314). Im Salon vertrat der Unternehmer vor allem seine feste Überzeugung, dass Integration durch Beschäftigung unvergleichliche Chancen für die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit sich bringt. Alleine im Handwerk, so Golbeck, wurden im gerade zurückliegenden Ausbildungsjahr 2015 rund 15.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt. Jeder ins Arbeitsleben erfolgreich eingeführte Flüchtling entlastet daher nicht nur die Demographiekurve des alternden Deutschlands, sondern wird zugleich und zunächst viel wichtiger zum interkulturellen Multiplikator für alle seine deutschen Kollegen.

Integration durch Beschäftigung, so machte der Friedrichshainer Unternehmer in zweiter Generation sehr deutlich, ist aber nicht voraussetzungslos. Neben den oft noch unzureichenden Sprachkenntnissen der Bewerber müssen vor allem die Ausbildungsbetriebe in die Lage versetzt werden, den zusätzlichen Anforderungen einer nicht zuletzt sozialräumlich wirksamen Integrationsanstrengung gerecht zu werden. Die im Laufe des Salonabends vorgestellten Projekte, darunter ARRIVO und ARRIVED genauso wie die Willkommenslotsen stoßen dafür die nötigen Tore auf. Die Debatte zeigte aber vor allem auch, dass der Weg zum großen Teil noch vor uns liegt. Wie häufig in solchen Momenten ernster Einsicht stellte sich nach drei Stunden intensiven Gesprächs für alle Anwesenden daher die Frage nach der Fortsetzung des Gesagten in anderen, vertiefenden Runden.

Das DNWE ist als Multistakeholder-Netzwerk hierfür gerne wieder der Gastgeber. 

 

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